APA0426 5 WI 0753 CI F. APA0307/29.04 Fr, 29.Apr 2011
Durch mehr Effizienz beim Energieeinsatz hält die am Freitag präsentierte IHS-Studie für Österreich bis zum Jahr 2050 eine Senkung des Verbrauchs im Verkehr von 350 auf 130 Petajoule (PJ) für möglich. Bei den Haushalten sollte von 270 auf 11 PJ reduziert werden können, in der Industrie von 310 auf 210 PJ, so das Szenario.
Die Stromerzeugung soll 2050 ganz ohne fossile Energien auskommen können. Zuletzt stammten noch 3,2 Terawattstunden (TWh) aus Kohle und 10,4 TWh aus Erdgas. Strom aus Wasserkraft könnte von 35 auf 37,5 TWh ausgebaut werden, Windkraft von 1,6 auf 5 TWh. Einen starken Anstieg von 0,05 auf 11 TWh hält das IHS bei Photovoltaik für möglich.
Für den Verkehrssektor unterstellt die Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) im Auftrag von Greenpeace, EVN und Gewerkschaft vida eine Zunahme des öffentlichen Verkehrs von heute 24,3 auf 35 Mrd. Personenkilometer im Jahr 2050. Zugleich soll der motorisierte Individualverkehr von 73,8 auf 42,7 Mrd. Personen-km abnehmen, so das Szenario. Der Strom-Einsatz im Verkehrsbereich könnte von 12 auf 47 PJ klettern. Während der Straßengüterverkehr bis 2050 von 37 auf 16,5 Mrd. Tonnen-km sinken soll, wird für den Bahn-Güterverkehr eine Zunahme von 15,9 auf 27 Mrd. Tonnen-km für möglich gehalten.
vida-Gewerkschaftschef Rudolf Kaske hält eine derartige Ausweitung der Bahn-Güterverkehrs durchaus für möglich, wiewohl er einräumte, dass die Entwicklung im Bahn-Cargo derzeit "gegensätzlich" sei. Hier sei die Politik gefordert, Ungleichgewichte im Wettbewerb zu beseitigen. Der öffentliche Verkehr insgesamt dürfe "nicht kaputtgespart werden", sonst seien die bis 2050 aufgezeigten Potenziale nicht auszuschöpfen. Im Bau- bzw. Sanierungsbereich seien dauerhaft zirka 25.000 neue Vollzeit-Arbeitsplätze möglich, verwies Kaske auf den Bereich thermische Gebäudesanierung.
Für Greenpeace-Geschäftsführer Alexander Egit lautet die Schlussfolgerung aus der IHS-Studie: "In einer Generation ohne Wohlstandsverlust von Atom und fossilen Energien unabhängig werden." Die Politik müsse in Sachen Energie- und Klimapolitik "sofort handeln", denn jede weitere Verzögerung wäre "problematisch", wie Egit am Freitag vor Journalisten erklärte. Zudem gebe es in der Bevölkerung derzeit nach der Atomkatastrophe von Fukushima ein "window of opportunity". Deutschland werde demnächst seine Investitionen in Erneuerbare Energien beschleunigen, Österreich dürfe diesen Zug nicht verpassen. Die heimische Politik sieht Egit vor zwei "Elch-Tests": Wird der Ökostrom-Förderdeckel aufgehoben oder nicht? Und kommt die Milliarde Staatsförderung für thermische Sanierungen?
Umweltminister Niki Berlakovich sieht sich durch die IHS-Studie darin bestätigt, dass eine Energieautarkie für Österreich machbar ist - obwohl genau dieses Ziel dort ausdrücklich verneint wird. Er begrüße das Studienergebnis, es unterstreiche andere Studienresultate, die er bereits im Jänner präsentiert habe, erklärte Berlakovich am Freitag in einer Aussendung. Energieautarkie bedeute, dass Österreich per saldo so viel Energie erzeuge wie es produziere.
IG-Windkraft-Geschäftsführer Stefan Moidl begrüßte die "klaren Aussagen" der Studie zur Machbarkeit einer Erneuerbaren Energiezukunft. Er sei überzeugt, dass Windenergie in Österreich bei geeigneten Rahmenbedingungen bereits 2020 mit einer Leistung von 3.500 MW und 7.300 Mio. kWh (7,3 TWh) erzeugtem Windstrom 10 Prozent des heimischen Stromverbrauchs decken könnte.
Für den Verkehrsclub Österreich (VCÖ) zeigt die Studie, dass eine Energiewende im Verkehrssektor möglich sei. Dazu sei aber die rasche Erstellung eines Gesamtverkehrskonzepts nötig. Für die Gewerkschaft Bau-Holz (GBH) unterstreicht die IHS-Studie die Ziele der GBH-Nachhaltigkeitsinitiative Umwelt + Bauen, etwa einer nötigen Steigerung der Sanierungsrate bzw. eines Umstiegs auf Erneuerbare Energieträger.
Die Grünen-Bundessprecherin Eva Glawischnig verlangte, jetzt müsse die Energiewende in der Bundesregierung zur Chefsache werden. Die Energiepolitik von SPÖ und ÖVP sei "seit Jahren ein Trauerspiel". Der Ausbau erneuerbarer Energien werde behindert, Atomstromimporte würden steigen, Energieeffizienz sei ein Fremdwort, und der öffentliche Verkehr werde kaputtgespart. "Das muss sich ändern", so Glawischnig.
Oberösterreichs Energielandesrat Rudi Anschober (G) sieht sich darin bestätigt, dass bis 2030 vorerst bei Raumwärme und Strom zur Gänze auf Erneuerbare umgestellt werden könnte. Die Politik müsse jetzt auf allen Ebenen die Weichen stellen: in den Ländern, auf Bundesebene und in der EU. Es gehe nicht mehr um kleine Steigerungen des Anteils der Erneuerbaren, sondern um die Einleitung einer vollständigen Energiewende, so Anschober am Freitag in einer Aussendung.
SPÖ-Umweltsprecherin Petra Bayr zeigte sich überzeugt, das die heimische Energiezukunft erneuerbar ist und forderte am Freitag zur Studie, Österreich müsse "so schnell wie möglich aus dem umweltbelastenden und riskanten Geschäft mit atomarer und fossiler Energie aussteigen". Unabdingbar dazu sei der Stopp von Atomstromimporten nach Österreich sowie klare gesetzliche Regelungen für die effiziente Nutzung von Energie. Die Beschlussfassung eines Energieeffizienzgesetzes sei daher unumgänglich, so Bayr in einer Aussendung.
(Schluss) sp/itz