
Im Handel ist der Mehrweganteil von teils über 90 auf etwa 20 Prozent gesunken. Die Politdiskussion über eine verbindliche Mehrwegquote, wie sie bis zum Jahr 2000 galt, geriet allerdings ins Stocken. Eine Studie soll nun neuen Schwung in die Debatte bringen: Demnach sind Wegwerfflaschen aus Plastik ökologisch nicht besser oder schlechter als wiederbefüllbare Glasbehältnisse.
Die vom deutschen Institut für Energie und Umweltforschung (IFEU) nun durchgeführte Studie ist sowohl von Handel, der eine verpflichtende Quote strikt ablehnt, als auch von den Parteien, Sozialpartnern und Umweltschützern schon lange erwartet worden, lag doch bisher nur Datenmaterial aus den 1990er Jahren vor. In Auftrag gegeben wurden die Berechnungen von Umweltministerium, ARA sowie vom Fachverband der Nahrungs- und Genussmittelindustrie.
Untersucht wurden PET-Einwegflaschen für Mineralwasser und Limonade (1,5 und 2 Liter) sowie 1-Liter-Glasflaschen für Mineral und Limonade. Ergänzend stellten die Forscher auch Berechnungen für die 1,5-Liter-PET-Mehrwegflasche an, die jedoch in Österreich nicht mehr im Handel erhältlich ist. Die anderen Verpackungen decken den Großteil des Marktes ab.
Das Ergebnis mag für viele verblüffend sein: Der ökobilanzielle Vergleich zeigt "in Summe keinen Vor- oder Nachteil" der PET-Einwegflaschen gegenüber den Glas-Mehrwegflaschen, weder bei Mineral noch bei Limonade, heißt es in der Studie. Lediglich unter der Annahme eines regionalen Vertriebs (bis zu 60 Kilometer) schneiden die Glas-Mehrwegflaschen besser ab.
Im Wesentlichen ist das Ergebnis laut IFEU auf das hohe Recyclingniveau einschließlich des sogenannten Bottle-to-Bottle-Verwertung von Kunststoffflaschen in Österreich zurückzuführen. Es werden nämlich acht von zehn der hierzulande verkauften PET-Einwegflaschen zur Verwertung erfasst. Immerhin aus jeder zweiten Plastikflasche wird wieder Verpackungsmaterial für Lebensmittel. Verbesserungspotenzial sehen die Forscher beim Flaschengewicht sowie beim verwendeten Anteil von PET-Rezyklat. Derzeit enthält eine Plastikflasche etwa 20 bis 35 Prozent einer alten Flasche.
Die Glasflasche kann umwelttechnisch mit niedrigem Ressourcenverbrauch punkten: Das IFEU hat angenommen, dass sie etwa 30 Mal wiederbefüllt wird. Negativ auf die Ökobilanz wirkt sich hingegen die Distribution aus, denn Glasflaschen müssen viel öfter hin- und hertransportiert werden. Ein weiteres Manko ist die erforderliche Reinigung der Flaschen und Kisten.
Wiederbefüllbare PET-Flasche wäre am besten
Am besten hat übrigens die nicht mehr existente wiederbefüllbare Plastikflasche abgeschnitten: Diese ist einerseits leicht und kann andererseits mit geringeren Herstellungs- und Entsorgungslasten aufwarten. Welche Verpackungsart die Kunden bevorzugen oder akzeptieren würden, wurde nicht untersucht, ebensowenig betriebswirtschaftliche Aspekte.
Ob jetzt möglicherweise die Plastik-Mehrwegflasche kommt, ist völlig unklar. Umweltminister Nikolaus Berlakovich (V) wurde Ende 2010 per Entschließungsantrag im parlamentarischen Umweltausschuss beauftragt, bis Mitte 2011 Vorschläge für die ökologische Gestaltung der Getränkeverpackungen auf den Tisch zu legen. Berlakovich hat damit Wirtschafts- und Arbeiterkammer betraut.
Zuvor hatte eine von Berlakovich installierte Arbeitsgruppe das sogenannte Ökobonusmodell ausgearbeitet, das aber mittlerweile wegen zu großen Widerstands aus Handel und Industrie vom Tisch ist. Das Modell hätte vorgesehen, die Mehrwegquote bis 2018 schrittweise auf 50 Prozent zu erhöhen. Supermarktketten, die darunter liegen, hätten Strafe zahlen sollen. Vor gut zehn Jahren haben sich Handel und Industrie einer freiwilligen Verpflichtung unterworfen, die Mehrwegflasche nicht aussterben zu lassen. Dennoch ist der Mehrweganteil seither - entsprechend dem weltweiten Konsumententrend zur Bequemlichkeit - drastisch zurückgegangen.
SPÖ zweifelt an Studie, Handel gegen Quoten
"Die Studie ist sicher kein Freibrief für die Plastik-Einwegflasche", sagte AK-Umweltexperte Werner Hochreiter zur APA. Der Handel solle sich des Themas Getränkeverpackung mit der gleichen Energie annehmen wie er es etwa bei Bioprodukten tue. Die Supermarktketten übten großen Einfluss aus und sollten umweltbewussten Kunden die Möglichkeit geben, zwischen Ein- und Mehrweggebinden auswählen zu können. Derzeit sei das nicht der Fall.
Petra Bayr von der SPÖ indes bekrittelte die aus ihrer Sicht mangelnde Vergleichbarkeit der Studie. "Flaschen unterschiedlicher Materialien und Volumina wurden gegeneinander abgewogen", meinte sie in einer Aussendung. Außerdem seien die nicht gerade umweltfreundlichen Getränkedosen nicht untersucht worden. Bei der Bewertung von Verpackungen müsse man mehrerlei berücksichtigen, unter anderem den Arbeitsplatzeffekt, der durch kleine, regionale Getränkeerzeuger und -abfüller entstehe. Ins selbe Horn stieß Greenpeace: "Die Getränkebranche verpasst sich selbst eine weiße Öko-Weste", ätzte die Umweltschutzorganisation. Man hätte zumindest auch Bier untersuchen müssen, immerhin konsumierten die Österreicher jährlich über hundert Liter Bier pro Kopf.
Im Umweltministerium wollte man die Studie auf APA-Anfrage inhaltlich nicht kommentieren. "Wir haben schon im Dezember 2010 die Sozialpartner ersucht, bis Mitte 2011 Vorschläge zu erbringen", sagte eine Sprecherin von Minister Niki Berlakovich (V). Man gehe davon aus, dass Wirtschaftskammer (WKÖ) und AK die Ergebnisse der IFEU-Studie einarbeiten. AK-Experte Hochreiter will jedenfalls die Potenziale der wiederbefüllbaren Plastikflasche ausloten. Das vom Handel strikt abgelehnte Ökobonusmodell ist für die AK noch nicht vom Tisch. Dieses hätte die schrittweise Erhöhung der Mehrwegquote sowie Strafen für Händler vorgesehen, die zu wenig Glasgebinde anbieten.
Für Richard Franta, Geschäftsführer des Gremiums Lebensmittelhandel in der WKÖ, sind Quoten hingegen "absolut sinnlos und nicht zielführend", wie er gegenüber der APA bekräftigte. Jegliche Lenkungsmaßnahmen seien kontraproduktiv, weil gegen das Kaufverhalten des Konsumenten gerichtet. "Man sollte den Wunsch des Kunden respektieren, den er in den letzten Jahren klar zum Ausdruck gebracht hat." Der Handel habe sich sehr bemüht, Mehrwegflaschen attraktiv anzubieten, die Kunden hätten aber vermehrt zur Plastikflasche gegriffen. Franta hofft, dass es durch die Studie zu einer Versachlichung der Diskussion kommt. Der Getränkeverband sieht in den IFEU-Ausführungen das Umweltengagement der Branche bestätigt, man habe stets in leichtere Verpackungen und umweltfreundliche Materialien investiert.